Eine fundierte, über jeden Zweifel erhabene theologische Begründung dafür wurde meines Wissens nie gefunden.
Es liegt im Wesen theologischer Begründungen, daß sie niemals "über jeden Zweifel erhaben" sind. Wer auf sowas hofft, der kann nur enttäuscht werden. Was dabei herauskommt, wenn man es doch versucht, sieht man am Zustand der katholischen Lehre. Nur eine Theologie, die um ihre Grenzen und um ihre Vorläufigkeit weiß und damit leben kann, daß sie sich in einem ständigen Plausibilisierungsprozess befindet, kann solche Fragen wirklich sinnvoll reflektieren.
Zu Hesemann und co.: Diese an die Sievernich-Blase angehängte Nummer, die er da fährt, ist auch in der vulgärkonservativen und rechtskatholischen Szene relativ isoliert. Da stellen sich andere geschickter an. Die hier in der Region einschlägig bekannten Gruppen haben sein Geschwätz nicht verbreitet. Und solche polnischen Medien drucken alles, das homophob genug ist. Queer.de hat bei solchen Dingen leider keinen Überblick und liefert immer wieder grottenschlechte (und teilweise schlicht falsche) Einordnungen kirchlicher Themen, schon seit Jahren. Ist halt ein Kölner Medium. Da sitzen ein paar halbgebildete kölschselige Wichtigtuer und picken alles raus, das sich zu Klicks machen lasst, selbst wenn sie dabei in Kauf nehmen, irgendwelchen Z-Klasse-Haßpredigern überhaupt erst zu Reichweite zu verhelfen, anstatt Aufklärung über andere weniger auffälligen, aber sehr viel wirkungsvollere homophoben Seilschaften in der katholischen Kirche, den orthodoxen Kirchen, Freikirchen oder an den extremen Rändern der evangelischen Kirchen zu betreiben. Mich ärgert das schon seit vielen Jahren.
Hesemann kann sich jetzt freuen. Mit seinem Geschwurbel sticht er dank der Publicity durch queer.de jetzt aus der Masse der "Flutdeuter" heraus und hat dadurch einen ziemlichen Schub erfahren. 500 empörte Kommentare schaden ihm ja nicht, ganz im Gegenteil.
Und theologisch sind deren Standpunkte alle gleich dünn. Das ist reine Schwurblerei und biblische Rosinenpickerei auf einem hermeneutischen Stand, die der seriösen wissenschaftlich betriebenen akademischen Theologie seit 300 Jahren hinterherhinkt. Und diese Leute wissen das letztlich auch und wissen, daß sie deshalb nur durch solche Skandale, durch politischen Anschluss an rechte Bewegungen und deren Kulturkampfrhetorik überhaupt überleben können.
Sie profitieren dabei aber auch sehr stark davon, daß die theologische Bildung der breiten Masse in den letzten 30-40 Jahren massiv zurückgegangen ist. Die Hochphase, die sie in den 50ern und 60ern noch hatte, als die Theologie (beider großen Konfessionen) sich nach den Kriegserfahrungen neu aufgestellt hat, in einer Öffentlichkeit und Transparenz die es vorher nie gab, ist halt schon lange vorbei. Der "Drive" des 2. Vatikanischen Konzils ist in der katholischen Kirche schon längst raus und in den evangelischen Kirchen herrscht gerade in den Strukturen, die die meiste öffentliche Sichtbarkeit genießen, eher eine Stimmung vor, die niemanden herausfordern und niemandem intellektuell etwas abverlangen möchte und dabei übersieht, daß sie sich selbst damit das Wasser abgräbt und ihre eigene Relevanz erstickt.
Die Leere, die dadurch entsteht, kann sehr leicht von Hetzern und Schwurblern gefüllt werden, die sich den Leuten, mangels seriösen Vergleichs, auch noch als die "Wahren" und "Frommen" und "Bibeltreuen" verhökern können, weil die theologischen Fortschritte der letzten 40 Jahre, gerade was Sexualethik und theologische Geschlechterforschung betrifft, in der breiten Öffentlichkeit nie so wirklich angekommen sind. Klar, man weiß, daß die evangelischen Kirchen ihre Homophobie, zumindest mehrheitlich, weitgehend überwunden haben. Aber daß das nicht einfach nur, wie die Rechten und die Hetzer behaupten, "Anbiederung an den Zeitgeist" war, sondern Ergebnis eines intensiven, biblisch fundierten theologischen Arbeits- und sozialgeschichtlichen Forschungsprozesses, der sich über mehrere Jahrzehnte vollzogen hat, haben die Wenigsten wirklich wahrgenommen. All das spielt den Homophoben und ihren politischen Verbündeten massiv in die Hände.
Und die deutsche Hobbykeller-"Religionskritik" hat davon halt leider auch nicht mehr Ahnung, feiert halt Kirchenaustritte aber durchblickt nicht, daß dieser Substanz- und Strukturverlust ganz neue Probleme schafft und mittelfristig homophobe Hetze eher begünstigt.
Tja, wir leben halt in absurden Zeiten.
Ach und, MaikC , der Beitrag ist ja wohl safe im Rahmen des Themas, oder? Wäre doch wirklich blöd, wenn man zu dem Thema hier keine fundierteren Einschätzungen liefern dürfte.