Sandtorhai : Leider ist das, wie viel zu viel, was im Spiegel steht, mit Vorsicht zu genießen. Die Beobachtung ist korrekt, die Folgerung ist Unfug. Das Problem ist nämlich, daß man kein abgeschlossenes System betrachtet. Das wäre "Mobilität" und nicht "Autoverkehr". Ein taugliches Konzept ist das vom konstanten Reisezeitbudget, nachdem sich die Zeit, die eine Person im Durchschnitt unterwegs verbringt, konstant ist, und zwar wohl seit der Jungsteinzeit (soweit man das prüfen kann ...). Es muß auch nicht auf die Minute genau stimmen, um brauchbar zu sein. Aber es wird einigermaßen klar, wenn Du Dir Dein eigenes Verhalten überlegst: Wenn Du länger für den Weg zum Job brauchst, bleibst Du abends eher mal zu Hause oder läßt eine Reise ausfallen.
Auch aus einer anderen Position betrachtet, ist die Folgerung "mehr Straßen also mehr Verkehr" nur begrenzt gültig: Sobald Du für alle Leute Platz auf den Straßen hast, sind einfach nicht die Leute da, um noch mehr Straßen zu füllen.
Und was das große Problem dieser Ansicht ist: Sie spiegelt nicht wieder, daß der Straßenbau natürlich zu massiven Entlastungen geführt hat: Beim öffentlichen Verkehr, der nach dem Krieg immer weiter eingedampft wurde. Eine Eisenbahnlinie mit 2-Stunden-Takt bis in den späten Nachmittag ist so gut wie nicht existent. Dann von "keinem Interesse" seitens der Bevölkerung zu sprechen, ist im Grunde eine Unverschämtheit.
Natürlich führt dann diese Betrachtungsweise zu falschen Folgerungen: Wenn man die Verkehrswende schaffen will, hilft es nicht, einfach keine Straßen zu bauen. Das mag zwar in beschränktem Maß dazu führen, daß Leute mehr Rad fahren oder latschen, aber genau so viele Leute stehen einfach nur in noch längeren Staus und ärgern sich noch mehr - der Weg zurück zum ÖPNV ist ja oft genug nicht möglich wegen isnich. Genauso hilft die Idee "Stadt der kurzen Wege" nicht dazu, die Straßen zu entlasten, sondern eher dazu, das Reisezeitbudget zu verwenden auf Sachen, die interessanter sind, als zur Arbeit zu pendeln. Die Leute sind immer noch da, fahren aber wo anders hin.
Was wirklich hilft, ist ein massiver Ausbau des öffentlichen Verkehrs, und nicht mit Bahnhöfen, die in der Pampa liegen (Pampa = 2 km von nächsten Dorf). Und da macht man sich auch keine Vorstellung von dem, was nötig ist: Es dürfte nämlich mindestens eine Verdreifachung nötig sein, auf dem Land noch mehr.
(übrigens: Ich wohne in einer "Großstadt" mit grünem OB, habe kein Auto und lege praktisch alle Strecken mit dem Rad zurück, weil der ÖPNV so besch...eiden ist.)